Sonntag, 27. Juni 2010

Vegane Ultras und ein aufgeklärter Taliban

Ich bin ein Szenemensch. Schon immer gewesen. Warum auch immer. Vielleicht, weil ich nie so ein herzliches Verhältnis zu meiner Familie hatte und deswegen eine Ersatzfamilie brauche. Okay, das ist jetzt aber tiefste Küchenpsychologie bei der Freud wahrscheinlich so schnell im Grab rotieren würde, dass man ihn zur Stromgewinnung einsetzen könnte. Aber irgendwas scheint mich an Szenen zu reizen. Ich finde es einfach gut irgendwo hinzukommen und eine Menge Leute zu kennen, sich zu freuen, dass man die sieht, über diesen und jeden lästern und auch mit einigen Leuten Streit zu haben. Und ich mag es auch, wenn mich Leute sehen und scheiße finden. Klassische Familienstruktur eben, womit wir doch wieder bei der Hobbyausgabe von Onkel Siegmund Freud wären.

Los ging es szenemäßig bei mir Ende der 80er mit dem Thema Tierrechte. Ich traf mit 18 ein paar aktive Tierschützer in Witten und schloss mich denen an. Allerdings waren mir die zu wenig militant, weswegen ich später mit zwei von denen und einem Dortmunder - der später zu DER veganen Szenegröße in Deutschland mutierte mutierte - eine eigenen kleine „Zelle“ gründete, aus der dann später die „Vegan Offensive Ruhrgebiet“ entstand. Ich weiß nicht, wie das aktuell ist, aber in den 90ern stellte der Pott die größte vegane Szene. Zu der Zeit war ich allerdings nach Hamburg ausgewandert und hatte mich da der ältesten autonomen Tierrechtsgruppe angeschlossen. Damals waren Veganer allerdings de facto noch absolut unbekannt und niemand wusste, was diese Menschen machen. Ich bin da einige Jahre komplett in dem Thema aufgegangen, habe Kongresse organisiert, bin quer durch Deutschland und Europa gefahren, um gegen irgendwas vorzugehen und hatte logischerweise auch Kontakte nach überall hin. Ich bin jetzt natürlich nicht in den tiefsten entscheidungsprozessen der Ultra-Bewegung eingebunden, aber ich stelle mal die These auf, dass da einige Dinge durchaus parallel liefen. Nämlich das elitäre Denken, die Polizei und Staat als Feindbild, der Zusammenhalt in der Szene und aber gleichzeitig das leicht trutschige. Veganer sind die Ultras unter den Tierschützern, auch wenn da jetzt beide Gruppen aufschreien würden, wenn man ihnen das sagt. Das gibt wieder böse Comments.

Ich bekam dann irgendwann mein Praktikum beim Fernsehen und ging in der neuen Aufgabe 110% auf, weswegen ich dann irgendwann den Kontakt zur veganen Szene reduzierte und später ganz verlor. Das sind keien Strukturen, die Du mit halber Kraft erhalten kannst. Entweder Du bist drin oder nicht. Irgendwann fing ich auch wieder an Fleisch zu essen, ein Verhalten, dass ich bis heute ethisch nicht zu vertreten finde. Ich bin später dann noch durch eine anderen Szene gegangen, in der die Verhaltensweise aber sehr ähnlich waren. Kennst Du eine Szene kennst Du alle. Irgendwie! Damit wird man natürlich den Unterschieden nicht gerecht, aber es gibt glaube ich überall große Parallelen. Lustigerweise finden sich aber alle unfassbar einzigartig.

War übrigens immer der einzige Fußball-Fan in den jeweiligen Gruppen und wurde mindestens schief angeschaut. Unter den Veganer galt das sogar als ganz schlimm. Was mir aber mal so was von egal war. Der BVB ist tatsächlich das einzige, was immer als Konstante in meinem Leben erhalten geblieben ist. Aber ich bin halt im Stadion groß geworden seit ich sechs Jahre alt bin. Da gehört es einfach dazu. Egal, was andere sagen und wo der jeweilige Lebenschwerpunkt sonst liegt.

Allerdings bin ich echt froh, dass ich nicht 10 oder 15 Jahre jünger bin. Dann wäre ich nämlich mit absoluter Sicherheit in irgendeiner Ultra-Gruppe gelandet. Und das hätte mir nicht gut getan, denn ich wäre ein ganz schlimmer Fanatiker geworden. Man kann ja heute schon nicht mit mir über den Ballspielverein diskutieren, aber ich wäre unerträglich, wenn ich jünger und bei z.B. TU gelandet wäre. So bin ich ganz froh, dass ich einen Weg gegangen bin, der mein Weltbild immer wieder hinterfragt und angezweifelt hat. Dadurch bin ich ein aufgeklärter Taliban geworden, denn nun bin ich zwar irgendwie auch in der Fußball-Szene gelandet, aber deutlich reifer als früher. Das ist jetzt die Stelle an der einige Leute lachen werden, wenn ich von „reif“ schreibe. Aber ich schwöre, dass ich im Vergleich zu früher so was von harmlos bin. Außerdem bin ich jetzt eben nicht im Epizentrum der „Szene“ sondern springe irgendwo am Rand rum, halte mich nicht an gewisse Gesetzmäßigkeiten und weiß zumindest in reflektierten Momenten, dass man das nicht zu ernst nehmen sollte. Und darüber bin ich auch ganz dankbar. Wobei ich mich auch zugegebenermaßen immer wieder beim Gedanken erwische, dass ich es schade finde, dass ich nicht 15 Jahre später geboren bin.

Aber zum Ausgleich benehme ich mich eben manchmal wie 17.

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