Donnerstag, 16. Dezember 2010

Liebe spanische Polizei

Es würde eine Menge Themen geben, über die ich bloggen könnte. Darüber wie schön Sevilla ist, über das Ausscheiden aus der Europaleague oder was weiß ich was alles noch. Leider wird das alles überlagert von der Gewaltorgie der spanischen Polizei am Mittwoch. Ich muss wirklich sehr lange zurückdenken, um mich an ähnlich beschissenes Polizeigebaren zu erinnern. Für diejenigen die mich nicht kennen noch mal zur Einordnung: Ich bin mit meinen 40 Jahren ein sehr gut in der Mitte der Gesellschaft verankerte Mensch, der Gewalt für eine schlechte Kommunikationsform hält und weit weg davon ist Polizisten grundsätzlich für Verbrecher zu halten und Fußballfans alle für Unschuldslämmer. Darüber hinaus hatte ich in meiner linken Zeit mit Anfang 20 durchaus auch Interesse an Konfrontation mit der Polizei und glaube mir daher erlauben zu können die Dynamiken die bei solchen Auseinandersetzungen zu Tage treten ein wenig zu bewerten. Und liebe spanische Polizei: Lass es mich so sagen: Deeskalation geht anders. Aber das Wort kennt ihr wahrscheinlich nicht.

Man könnte jetzt wild darüber spekulieren, wie die Auseinandersetzungen begonnen haben. Meistens ist es ja so, dass zwei anonyme Massen aufeinandertreffen und auf irgendeiner Seite ein oder mehrere Hitzköpfe die Fassung verlieren. So wie es mir zugetragen wurde, war das diese mal wohl die spanische Polizei. Aber ich war nicht dabei und will das nicht bewerten. Das ist alles Spekulatius. Da will ich nicht mitmachen. Es ist auch – und hier kommen wir zum zentralen Punkt – total egal. Wenn es denn so gewesen sein sollte, dass es Regelverstöße von Seiten einiger BVB-Fans gegeben haben sollte – was ich erst mal mit einem Fragezeichen versehen würde, aber natürlich nicht ausschließen kann – dann wäre es das gute Recht der Polizei diese Personen festzunehmen. Was wir in Sevilla erlebten war aber eine knüppelnde Staatsmacht, die alle Fans behandelte wie Vieh.

Wir waren vor dem Mob im Stadion und gingen auf den Unterrang, um uns ein Bild vom Stadion zu machen. Als wir den Block wieder verlassen wollten wurde uns das von den Polizisten verweigert. Auch der Hinweis, dass man zur Toilette müsse führte nur zu einem „No“ – dem am häufigsten gebrauchten Ausdruck der Ordnungsmacht. Nach endlos langer Zeit schafften wir dann den Weg raus. Es standen übrigens drei (!) Dixieklos zur Verfügung. Für 3000 Mann. Okay, eigentlich waren es sechs, aber die anderen drei wurden von den Polizisten nicht freigegeben. Warum? „No!“. Das muss reichen als Begründung. Irgendwann kam die große Masse der Fans und danach eskalierte die Situation. Die Cops hauten wahllos auf Leute ein, bevor dann Sitzschalen flogen, was zugegebenermaßen auch keine perfekte Strategie zur Beruhigung der aufgebrachten Schlägertruppe in Uniform war. Aber so wie ich es erlebt habe ging die Gewalt ganz klar von der Staatsmacht aus. Wobei es mir auch hier wieder egal ist, denn die Polizei schlug auch auf Leute ein, die offensichtlich nicht an irgendeiner Aktion beteiligt waren, sondern am Rand standen offensichtlich unbeteiligt waren und die Arme erhoben hatten. Es waren neun Mitglieder von The Dudes in Sevilla. Von denen war niemand an irgendwelchen Gewalttaten beteiligt, aber vier wurden geschlagen und bei einem ging die Rippe zu Bruch. In dem Moment wo ihn der Polizeiknüppel traf beugte er sich gerade übrigens zu einem Menschen runter, der neben ihm zu Boden gegangen war. Mithin also eine Situation wo man nicht davon ausgehen konnte, dass der Polizist ihn für eine Gefahr hielt. Aber liebe spanische Polizei: Das hindert ja nicht am knüppeln.

Generell bin ich ja jemand, der versucht sich auf Schlägereinen rauszuhalten wenn es geht. Wie jeder Fußball-Fan bin ich emotional und laut, aber ich bin inzwischen zu vernünftig mich auf Stress mit den Cops einzulassen, weil ich meine Gesundheit mag und die Polizei in 99 von 100 Fällen eh am längeren Hebel sitzt. Deswegen begebe ich mich im Stressfalle eher aus dem Gefahrenfeld, wenn ich mit dem Stress nichts zu, weil z.B. jemand bedroht wird, den ich kenne. Dumm ist nur, wenn diese Taktik nicht aufgeht, weil sich von vorne knüppelschwingende Polizei nähert und hinter Dir eine Mauer ist. Ich selber hatte Glück, weil sich der Knüppelschwinger vor mir entschied rechts neben mir einzuschlagen. Irgendwann entspannte sich die Situation soweit, dass ich mich in den Oberrang verziehen konnte. Wobei die Eskalation mir persönlich auch die Freunde nahm und auch bis jetzt alles überlagert. Vor allem, weil die Spanier nach dem Spiel noch 16 Leute festnahmen. Den Rest trieben sie übrigens nach dem Spiel wie Vieh aus dem Block. Den Hinweis man würde auf seine Freunde warten wollen beantworten die Spanier mit einem – ratet mal – „No“. Liebe spanische Polizei: Das ist kein Tiertrasport. Wenn ihr da Bock drauf habt, sucht Euch einen Job im Schlachthof. Die Mentalität dazu habt ihr ja.

Die deutsche Presse schrieb dann jeweils kurz etwas von BVB Fans die randaliert hätten. Meine Güte, liebe Pressevertreter. Wenn ihr es nicht wisst, schreibt doch „Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei“. Das ist neutral und wertet nicht. Und dann macht Euch schlau, was vorgefallen ist, recherchiert, befragt Leute, macht Euren Job. Und der besteht nicht darauf Agenturmeldngen abzudrucken. Seid journalistisch tätig! Das ist Euer Beruf.

Und liebe spanische Polizei: Ich sage es Euch ganz langsam: Wenn ihr meint einen Rechtsbruch festzustellen, dann müsst ihr den Rechtsbrecher finden und nicht irgendwen zusammenschlagen, der das gleiche Trikot trägt. So funktioniert nicht mal in Spanien das Rechtssystem. Sollte es zumindest nicht.

Seit Mittwoch bin ich mir da nicht mehr sicher!

Edith: Inzwischen sind alle Gefangenen wieder frei, wurden aber teilweise verurteilt und gefoltert.

Kommentare:

  1. Unglaublich was sich da abgespielt hat.
    In Diversen Fan Foren wird auch schon darüber Berichtet. Traurig aber wahr, am Ende wird man dafür bestraft das man Deutscher ist.

    SGG aus Dortmund

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  2. Von der spanischen Polizei kann ich auch ein Lied singen. Vor 3 Jahren spielten wir in der Gruppenphase in Vigo. Dort ging es genauso ab. Auch hier ging die Gewalt von der lieben Guardia Civil aus. Einer von uns saß sogar ein gutes halbes Jahr dort im Knast in U-Haft. Letztendlich kam er gegen Geldstrafe wieder auf freien Fuß. Hoffe, dass eure Leute schneller wieder rauskommen.

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  3. Das Fliegen der Sitzschalen hat mir aber zumindest mit den Arsch gerettet, da wir auch bis zur besagten Wand bei den Dixi Klos geknüppelt wurden, viele waren wir da nicht mehr. Dann flogen die ersten Sitzschalen aus dem Innenraum, was die Bullen dann etwas ablenkte und uns erst ermöglichte in den Block zu gehen. War wirklich krass bzw. traurig, was da abging.

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  4. Ich war auch dabei

    Aber BVB fans haben mir VERHINDERT VIDEO AUFNAMEN ZU MACHEN UM DIESE ZU ZEIGEN !!!!!!!

    Und jetzt mussen wir bilden und aufnamen haben , ich hoffe jede reagiert und schick seine bildern zu BVB fanabteilung um diese scheisse an zu klagen !!

    Filip V Hecke
    zelzate , Belgien

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