Samstag, 11. Juni 2011

Nicht alles essen was auf den Tisch kommt. Für mehr Fanpolitik

Zu den Dingen, die ich wirklich schade finde gehört der Umstand, dass wir eine so unpolitische Fanszene haben. Womit ich nicht parteipolitische meine – da könntest für mich ruhig noch eine Spur weniger Politik sein – sondern fanpolitisch. Wir haben nach den Bayern und zusammen mit den komischen Leuten aus Dingenskirchen die größte Fanbasis in Deutschland. Trotzdem schaffen wir es nicht, diese zu mobilisieren und effektiv einzusetzen. Bzw. die bewegt ihren Arsch einfach nicht. Und es ist mir ein Rätsel warum. Wenn man sich als direkten Vergleich den Supporters Club in Hamburg anschaut und was die HSV Fans so bewegen, dann fragt man sich, warum das bei uns nicht möglich sein soll. Und wenn man noch den FC ST. Pauli als Vergleich rannimmt, dann wird es noch trauriger. Denn da gehen weniger Leute ins Stadion als bei uns auf die Süd, die haben aber deutlich mehr Wirkung nach Außen als wir. Nun ist St. Pauli aber ein unpassender Vergleich, denn die speisen sich sehr stark aus einer politischen Szene und sind damit eh schon aus aktiven Leuten und sind mir in vielen Punkten auch eindeutig zu anstrengend. Da fehlt oft die Lockerheit stimmt für mich das Verhältnis nicht mehr.

Aber bevor ich mich über St. Pauli beschwere sollte ich echt lieber über uns meckern. Warum auch immer, aber die Masse unserer Fans ist damit zufrieden alle 14 Tage ins Stadion zu gehen und Bier und Bratwurst zu nehmen. Mit Stadiondeckel bezahlt. Dabei kann man so viel bewegen, wenn man will. Die Aktion „Kein Zwanni“ – die ja die löbliche Ausnahme von der Regel ist – hat es doch bewiesen, welches Potenzial da loszutreten ist. Man kann sich doch nicht auf der einen Seite immer darüber beschweren, dass man als Fan diskriminiert wird und sich dann nicht aktiv einbringen. Diese Kritik betrifft natürlich den Kern der Szenesondern die Masse an Fans. Den harten Kern - allen voran TU - sehe ich auf einem generell richtigen Weg.

Vielleicht erwarte ich aber zu viel. Ich bin seitdem ich Kind bin politisiert und daher gehört die aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensumständen für mich zum Leben wie das atmen. Wenn ich meinen Vater für was dankbar bin, dann das, dass er mit mir immer politische Sendungen im Radio und Fernsehen geschaut hat. Man wird da irgendwie zwangspolitisiert. Und das ist auch gut so. Denn man kann sich im Leben nicht hinsetzen und darauf warten, dass etwas passiert. Wenn man es nicht selbst tut wird es niemand für einen machen. Menschen, die sich nicht engagieren wollen werfen ja gerne die Ausrede in den Raum, man könne eh nichts bewegen und führen dann EINE Aktion an, die als Beweis dienen soll, dass sich danach ja nichts geändert hat. „Nach dem `Kein Zwanni`-Boykott sind die Preise immer noch noch“. Ach was. No shit, Sherlock?

Ich glaube es ist aber genau der Umstand, dass politische Handeln nur langsam Erfolge erzeugt und diese natürlich nie bei 100% liegen (können), der Menschen davon abhält sich zu engagieren. Oder wahrscheinlich besser gesagt, der ihnen einen Vorwand bietet sich aus dem Thema rauszuhalten. Denn es ist ja scheinbar einfach bequem sich überall rauszuhalten. Man kann ja später aufstehen. Dabei ist diese Bequemlichkeit letztlich eine Scheinbequemlichkeit. Denn da facto führt es dazu, dass mit einem gemacht wird, statt dass man selber gestaltet. Es gibt nichts schöneres als frei zu sein. Und alleine schön das Gefühl sich für was einzusetzen hilft einem aus der passiven Rolle rauszukommen und sich frei zu fühlen. Wer nicht selber kocht muss halt essen was auf den Tisch kommt.

Und spätestens, wenn sie Dir völlig überteuert die Reste vom Vortag auftischen, würdest Du Dir wünschen Du hättest kochen gelernt.

Kommentare:

  1. Wie genau kann man sich denn überhaupt fanpolitisch engagieren?

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  2. @Anonym:
    1. Natürlich mit offenen Augen durch die Welt gehen.

    2. Fanabteilung

    3. Sich an den Aktionen wie "kein Zwanni" beteiligen.

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  3. Und bei diesen 3 Punkten haben wir Nachholbedarf?
    Na ja...

    Wenn ich mir aber anschaue, wie extrem hoch die Anzahl asozialer Stadionbesucher bei uns (und wahrscheinlich auch in jedem anderen Stadion ist)ist, dann wundert mich das aber nicht.
    Dazu muss ich sagen, was ich als asozial verstehe: Das sind z. B. die Leute, die meinen sie müssten ihren Vorderleuten Bierbecher an den Kopf schmeißen. Genauso diejenigen, denen es Scheißegal ist, ob der Hintermann auch was vom Spiel mitbekommt oder nicht. Oder die Experten, die sich nach dem Spiel mit allem was sie haben in die Straßenbahnen kloppen und auch nicht davor zurückschrecken Frauen oder Kinder umzuhauen.

    Solche Leute würden natürlich nie auf die Idee kommen, sich für irgendetwas zu engagieren. Da beschränkt sich Fanpolitik wohl auf "ACAB" ...

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  4. ACAB ist ja bei der von Dir beschriebenene Sorte Mensch eher nicht bekannt.

    Aber ich gebe Dir Recht, dass wir leider eine Menge stumpfe Fans haben. Ein Grund mehr da ein Gegengewicht zu setzen

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  5. Es wäre wünschenswert, allein der Glaube fehlt mir. Wenn man fanpolitisch (ist das eigentlich ein Wort?!) wirklich etwas verändern will, dann schafft man das nicht alleine. Dazu bräuchte man Bündnisse mit anderen Organisationen. Auch mit Organisationen, die nicht aus dem Fußballmilieu kommen.

    Das hat man ja ansatzweise bei der "Mehr Verantwortung bei der Polizei" Kampagne von AI gesehen. Ich glaube aber, dass man diese Notwendigkeit in der Fanszene noch nicht wirklich erkannt hat.

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  6. Natürlich braucht man da Bündnisse. Aber bevor man Bündnisse schließt muss erst mal man selbst erkennen, dass das wichtig ist. In Bündnissen können sich nur aktive Menschen zusammenschließen und aktiv werden kann jeder selbst

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  7. Natürlich, man muss es erstmal schaffen, sich zu organisieren. Wenn man bedenkt wie viele Borussen es gibt und wie viele davon immer behaupten der "BVB sei ihr Leben" sollte das doch eigentlich kein Problem sein. Ist es aber. Da muss man sich natürlich fragen: Warum?
    Ich glaube der alte Irrglaube "Politik hat im Stadion nichts zu suchen" spielt da auch eine gewisse Rolle.

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