Montag, 20. Juni 2011

Angst essen Seele auf - Der Montagmorgen Rant

Ich warne Euch vor. Heute gibt es einen Rant. Wer sich nicht aufregen will, klicke diesen Blogpost hier weg. Aber es gibt eine Sache, die mal raus muss. Was mir immer wieder bei der aktiven Fußball-Szene auffällt, dass der Anteil der Menschen die ihren Job scheiße finden extrem hoch ist. Vielleicht liegt das aber auch gar nicht daran, dass die Fans sind, sondern vielleicht ist das bei den meisten Menschen einfach so. Ich weiß es nicht, weil ich außerhalb des Fußballs nicht mit normalen Menschen in Kontakt komme. Ich habe dann doch eher mit Leuten aus Medienjob zu tun und die keulen zwar alle wie die Schweine, haben aber auch Spaß an ihrem Job und sind auch alle auf irre Art irre. Zwangsgestörte, Neurotiker, Egomanen. Alle krank, aber irgendwie auch auf ihre Art unterhaltsam. Beim Fußball hat man dagegen – wie in jeder anderen Szene auch – mit Leuten quer durch alle Gesellschaftsschichten zu tun. Und das ist gut so, denn ich habe dadurch jede Menge nette Leute kennengelernt.

Aber da das glaube ich wirklich ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist verlassen wir heute dne Fußball-Kontext. Ich bin immer wieder fasziniert, warum Leute die ich echt für talentiert halte immer wieder über ihren Job meckern und trotzdem nichts ändern. Wenn man mit denen redet, hört man oft, dass die Lust haben was anderes zu machen, aber bitte nicht weniger Geld und auch auf jeden Fall eine Festanstellung und 28 Tage Urlaub und bitte am besten ohne Probezeit und auch sonst ohne Risiko. „Ach, das gibt es nicht? Na, dann bleibe ich besser Mal in meinem beschissenen Job“. Ich verstehe das nicht, wie man sehenden Auges in seine eigene emotionale Verödung laufen kann und daran nichts ändert. Und es macht mich auch wütend, weil da soviele bei sind, die echt was bewegen könnten.

Es ist wie immer im Leben „Angst essen Seele auf“. Dabei möchte man eigentlich mal fragen: Angst vor was? Das schlimmste was uns in Deutschland passieren kann ist, dass wir Hartz IV Bezieher werden. Und das ist im Vergleich zu dem was Menschen in anderen Teilen der Welt blüht ein Witz. Ich hör schon das Gejaule „Quambusch, leb Du mal von Hartz IV, dann schwingste nicht so große Sprüche“. Nein, ich möchte nicht von Hartz IV leben. Das ist nämlich scheiße. Es ist aber im Vergleich zu jemand, der in einem Minenfeld arbeiten muss ein deutlich angenehmeres Los. Vor allem ist die Wahrscheinlichkeit Hartz IV Empfänger zu werden deutlich größer, wenn man mit 49 seinen ersten Job verliert. Ich sage es mal mit Ton, Steine, Scherben: „Wir haben nichts zu verlieren, außer unser Angst“.

Ich verstehe die Ängstlichkeit vieler Menschen nicht und ich verachte sie auch. Die Angst, nicht die Menschen. Menschen finde ich auch scheiße, aber das eher aus grundsätzlichen Gründen. Menschen und ich werden keine Freunde mehr. Aber vor jemand, der sein ganzes Leben in einem Scheißjob verbringt, fehlt mir zusätzlich der Respekt. Wie armseelig muss man sein, wenn man das nicht mal schafft sich was neues zu suchen? Ich weiß, dass das unfassbar arrogant ist, aber es hat einen Grund, warum die Leute in Helden-Epen selten als Buchprüfer arbeiten. Weil´s scheiße ist. Wirklich großen Respekt habe ich vor Leuten, die ihren Beamtenstatus – sagen wir beim Finanzamt - aufgeben, weil ihnen ihr Job auf den Sack geht und noch mal was ganz neues machen. Ja, die geben ihre unfassbar gute Altersversorgung auf, aber in der Tat beginnt das Leben nicht erst mit 66 Jahren. Wer diesen Weg geht, dem kann ich nur von ganzen Herzen gratulieren. Und wenn jemand beim Finanzamt arbeitet und daran richtig Spaß hat, dann gratuliere ich auch. Obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns mögen eher gering ist. Aber wer mag mich schon?

Und nun komme mir keiner bitte mit „Quambusch, Du hast gut reden, Du hast einen schönen Job.“ Der ist nämlich nicht vom Himmel gefallen. Anfang der 90er bin ich nach Hamburg gezogen und habe eine Krankenpflegeausbildung angefangen. Ich habe diesen Job gehasst. Nach anderthalb Jahren ging es nicht mehr. Ich bin mitten im Dienst zu meinen Kollegen gegangen und habe gesagt: „Ich kündige jetzt. Sofort“ und bin von Station verschwunden. Dummerweise habe ich zu der Zeit auch noch im Wohnheim gewohnt, so dass ich nicht nur keinen Job mehr hatte, sondern zeitnah ein Dach über dem Kopf brauchte. Selbstzerstörerisch wie ich damals veranlagt war habe ich den Abend auf dem Kiez noch alles an Kohle auf den Kopf gehauen, was ich noch hatte. Kein Job, bald keine Wohnung, kein Geld. Gratulation. Es konnte nur berg aufgehen. Ich habe mir dann erst mal irgendwas zum arbeiten gesucht und noch ein Jahr auf der Sozialstation gejobbt, bis es zu diesem Interview für Bravo-TV kam. Ja genau. Jenem Interview. 1, 2,3 und so. Ich fragte die Producerin, was ich machen müsste, um zum Fernsehen zu kommen und sie fragte, ob ich ein Praktikum machen würde. Eine Woche später fing ich an. Die beste Entscheidung meines Lebens.

Ich habe zu der Zeit dann 500 Mark als Prakti bekommen und wusste dass ich nicht viel Zeit hatte. Zwar hatte ich damals – ein Wunder, das ist mir später nie passiert – noch Geld auf der Bank, aber bei dem Verdienst reichte das auch nicht lange. Ich hatte also von einem Tag auf den anderen Geldsorgen, aber dafür auch ein schönes Leben. Plötzlich standen zwar regelmäßig 16 Stunden Tage auf dem Programm, aber ich habe es geliebt. Ich kann mir bis heute nicht vorstellen, wie ich das auch nur einen Tag als Krankenpfleger ausgehalten habe. Um das noch mal klarzustellen: Ich habe nichts gegen Krankenpfleger. Genauso wie gegen Finanzbeamte. Ich kenne Menschen, die machen diesen Beruf total gerne - also Krankenpflege - und der ist richtig wichtig und kann auch viel Spaß machen. Es war halt nur nicht meiner. Ich habe ihn gehasst. Mein erstes Praktikum hatte übrigens kein Happy-End. Ich wollte ein Volontariat machen, wurde aber nicht übernommen. Vor allem konnte mir mein damaliger Redaktionsleiter nicht sagen, was ich falsch gemacht hatte. Ich bin einfach heulend nach Hause gegangen und habe mir fest vorgenommen, dass ich irgendwann sein Chef bin. Das hat mich fürs Leben geprägt. Ich habe später jedes Mal, wenn ich einen Mitarbeiter kündigen musste drauf geachtet, dass man dem vorab klar kommuniziert, was nicht rundläuft und bei dem Kündigungsgespräch ebenfalls klar die Gründe ausführt. Jemanden aus dem Job zu entlassen ist ein schlimmer Eingriff ins Leben und derjenige hat verdammt noch mal das Recht die Gründe zu erfahren.

Lustiger Weise war ich fünf Jahre nach meinem ersten Praktikum Redaktionsleiter, habe eine Abteilung von 30 Leuten geleitet, einen BMW als Dienstwagen gehabt und unfassbar viel Kohle verdient. Soviel werde ich nie wieder auch nur im Ansatz verdienen. Und wir beschäftigten als Firma später als freien Mitarbeiter genau denjenigen, der mich damals nicht übernommen hat. Zwar nur für einen Beitrag und auch in einem Parallelprojekt, aber ich bin extra am Sonntag in die Firma gefahren, habe mich zu ihm in den Schnitt gesetzt und gefragt: „Lutz, warum hast Du mich damals nicht übernommen?“ Für diesen Moment hatte ich 5 Jahre gearbeitet. Das war ein Freudenfest. Auch wenn Lutz mit die Gründe nicht genannt hat, war für mich das Kapitel damals beendet. Ich warte aber immer noch darauf, dass ich bei einem ehemaligen Praktikanten im Schnitt sitze. Es gibt genug, die mich inzwischen sowas von locker überholt haben. Aber da war keiner bei, der mit mir noch eien Rechnung offen hat.

Leider war ich damals der arroganteste Dreckschnösel den man sich vorstellen kann. Wer mich heute komisch findet, dem kann ich nur sagen, dass ich sowas von harmlos geworden bin. Zum Glück. Eine Mitarbeiterin von mir hat mir mal erzählt, dass sie nur bei mir angefangen hat, weil sie wissen wollte, ob sie unter so einem Arschloch wie mir arbeiten kann. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube ich fand das damals gut. Weil ich ja eh dachte, dass ich der König der Welt bin. Zum Glück ging es bei mir Anfang 2000 beruflich steil bergab. Arbeitslos, Firma gegründet und in den Sand gesetzt. Das hat mich wieder ordentlich geerdet. Dafür bin ich heute sehr dankbar. Höhenflüge tun einem menschlich nicht gut. Heute habe ich einen Job, der zwar weit weg von den Spitzengehältern früherer Zeit weg ist, aber dafür jede Menge Spaß macht. Und bin menschlich auch wieder den einigermaßen zusammen. Und ich habe die nettesten Kollegen in der Firma, die ich in meiner beruflichen Laufbahn je hatte. Und eigentlich nur schöner Projekte. Natürlich habe ich phasenweise auch Stress ohne Ende, aber Stress macht mir Freude. Ich brauche das wie Fische Wasser. Und das hat jeder. Wenn man das nichjt will ist man in der Unterhaltungsbranche falsch.

Aber Sicherheit habe ich immer noch nicht. Ich bin immer noch dauerpleite, ich kann meinen Job schneller verlieren als mir lieb ist und habe keinen Rücklagen und keinen Plan B. Das ganze Konstrukt ist fragil und es ist nicht unwahrscheinlich, dass mich wieder eine Situation trifft, wo ich mich frage, wie ich meine Miete zusammenkratzen soll. Das hatte ich immer wieder und das ist in der Situation eher ungeil. Nein, Sicherheit habe ich nicht. Außer der, dass ich bisher alles gemeistert habe und irgendwie immer aus jeder Scheiße rausgekommen bin. Weil ich groß bin und weil ich vor nichts Angst haben muss außer Krankheiten und dem Verlust wichtiger Menschen.Und falls Du an diesem Montagmorgen in der Firma bist und Deinen Job aus tiefstem Herzen hasst, dann frag dich, ob das wirklich das ist, was Du die nächsten 40 Jahre machen willst. Oder ob es nicht Zeit wird endlich Deinen Arsch hochzubekommen. Allen die mit ihrem Job zufrieden sind wünsche ich eine erfolgreiche Arbeitswoche.

Ich habe ja gesagt, Du sollst das nicht lesen, wenn du Dich nicht aufregen willst.

Kommentare:

  1. Danke. Brauchte wohl mal jemanden, der mal sagt, wie dämlich es ist, es nicht mal zu versuchen.
    Ich hatte immer so viel Angst, dass ich meine Träume gleich ganz aufgeben muss, wenn ich sie versuche und gegebenenfalls scheitere. Hatte immer Angst, was dann passieren würde. Wenn ich womöglich mir neue Träume suchen müsste. Und ein paar verlieren könnte.
    Aber es ist eben doch reichlich dämlich, es nicht zu versuchen.
    Werde mir vornehmen, mutig genug zu sein, um nicht nur zu schreiben, was für eine gute Idee das ist, sondern demnächst einen Versuch starten. Und die Dinge angehen, bei denen die Angst grundlos dominiert hat.
    Angst vorm Scheitern ist unnütz und störend.
    Und ein Leben in der Gewissheit einer offenen Tür nützt reichlich wenig, wenn man nicht wenigstens ein einziges Mal einen Schritt dahinterwagt. Danke.
    Ich gelobe Besserung. ;)

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  2. Anderthalb Jahre? Ich hab' dafür keine vier Monate gebraucht.

    Gruß aus dem Amt. Also, ehemals.

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