Okay, ich mach mich jetzt mal unbeliebt. Aber ich bin scheinbar der einzige Fußballinteressiert, der bei Robert Enke nicht am Rad dreht. Die Fußball-Fans benehmen sich so, dass einem Michael Jackson Anhänger rational vorkommen. Die Welt ergießt sich in Mitleid und überbietet sich in immer lauteren Forderungen nach „stiller Trauer“. Wo sind wir hir eigentlich gelandet und was soll der Scheiß? Dieses öffentlich scheinbar anstandvolle, aber in Wirklichkeit widerlich voyeuristische Trauergeplärre ist in meinem Augen absolut unwürdig. Es hat sich inzwischen durchgesetzt Trauern als Event zu gestalten. Los ging das meiner Meinung nach in der jetzigen Form bei Papst Johannes Paul II, dessen Tod – auch von ihm selbst – zelebriert wurde. Die Trauer hat dadurch in meinen Augen ihre Würde verloren.
Um mal wieder irgendwelche Missverständnisse auszuräumen: Der Fall Enke ist ein dramatischer. Vor allem aber für ihn und seine Familie. Jeder Mensch der einigermaßen bei Verstand ist wird da natürlich Mitgefühl empfinden. Und auch, dass die Fans von Hannover 96 geschockt sind kann ich verstehen. Die hatten natürlich einen direkten Bezug zu Enke. Zum Torwart, nicht zum Menschen dahinter. Und jeder, der in stiller Einkehr mal über Leute in seinem Umfeld nachdenkt oder an Robert Enke als einen mahnendem Beispiel gedenkt hat mein Verständnis. Warum aber muss stille Trauer so verdammt laut sein? Ellenlange Foreneinträge die zeigen, dass man noch betroffene ist als der andere. Geht es einem da nicht mehr um einen selbst als um Enke? Kann man beim trauern nicht einfach mal die Fresse halten, wenn es einem so ernst ist, ohne am „Ich bin am tiefsten getroffen“-Contest teilzunehmen. Komischerweise scheine ich der einzige Mensch zu sein, der nicht der beste Freund von Enke war und noch nicht gramgebeugt durch die Welt schleicht. Wie gesagt, natürlich empfinde ich Mitgefühl; aber nicht mehr oder weniger als mit allen anderen Menschen, die auf tragische Weise ihr Leben verlieren.
Es spricht nichts gegen eine Debatte über den Umgang mit depressiven Menschen. Diese ist sogar extrem notwendig. Psychische Krankheiten werden immer noch gerne als persönliche Schwäche abgetan und eben nicht als Erkrankung. Wenn der Fall Enke also zu mehr Akzeptanz in Bezug auf diese Art der Erkrankungen führen würde, dann wäre das super. Ich glaube es nur nicht. Es wird jetzt um die Wette getrauert und in 10 Tagen gelten Leute, die in der Firma nicht funktionieren wieder als Problem. Oder Sebastian Desler als Abzocker.
Mir geht dieses alles in die Öffentlichkeit tragen auf die Nerven. Ein Prozess an dem ich leider aktiv mitwirke.